Das würde ich tun, wenn ich beim Grenzen setzen bei 0 anfangen müsste
- Sabrina Kubitschko
- vor 22 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Ehrlicherweise beobachte ich beim Thema Grenzen setzen immer wieder, wie sich manche Lifecoaches wie die besten Marktschreier auf dem Rathausplatz anhören:
„Grenzen setzen: zwei Wege, das Nein zu lernen!“
„Grenzen setzen lernen: 4 Impulse!“
„Grenzen setzen: ein Leitfaden für mehr Wohlbefinden!“
Das sind die ersten drei Ergebnisse, wenn man „Grenzen setzen“ googelt.
Und wenn man dann auf die Website klickt, kommt ziemlich oft dasselbe:
Kenne Deine Bedürfnisse. Kenne Deine Gefühle. Kenne Deine Werte.
Als wären das die geheimen Zutaten, mit denen Grenzen plötzlich funktionieren.
Klingt zu schön, um wahr zu sein?
Jepp. Ist es auch.
Denn selbst wenn Du all das weißt, entscheidet etwas anderes darüber, ob Du Deine Grenze wirklich setzt – oder ob es Dir im entscheidenden Moment die Kehle zuschnürt.
Und genau deshalb bringen Dich die meisten dieser Ratschläge langfristig nicht weiter, auch wenn sie zunächst logisch klingen.
Was ich heute anders machen würde, wenn ich beim Grenzen setzen bei Null starten würde
Stell Dir vor, Du hast Dir einen neuen Garten zugelegt. Er sieht ziemlich wild aus. Voller Unkraut und Gestrüpp.
Aber Du hast eine Vorstellung davon, wie er einmal sein soll: mit vielen duftenden Blumen, einer coolen Grillstelle und einer Hollywoodschaukel für romantische Abende.
Das Problem: Du hast noch nie gegärtnert.
Also brauchst Du keine 100 Tipps über Pflanzenpflege – sondern eine klare Grundlogik:
Verstehen, wie man gärtnert.
Den Boden vorbereiten.
Dann anfangen zu säen.
Und genau so würde ich heute auch mit dem Thema Grenzen setzen starten.
Nr. 1: Verstehen – Was in Dir wirklich passiert
Wissen schafft Orientierung. Und Orientierung schafft Sicherheit.
Deswegen würde ich mir als Erstes anschauen, was in meinem System überhaupt passiert, wenn eine Grenze notwendig wäre und ich sie nicht setzen kann.
Nicht oberflächlich. Sondern ganz konkret:
Warum kann ich in manchen Situationen klar sein – und in anderen überhaupt nicht?
Genau hier beginnt das Verständnis für Dein Nervensystem. Als Erklärung dafür, warum Dein Körper manchmal schneller reagiert als Dein Kopf entscheiden kann.
Denn Dein Verhalten entsteht aus Deinem inneren Sicherheits-Zustand des autonomen Nervensystems heraus, nicht aus Deinem Vorsatz, jetzt eine Grenze zu ziehen.
Nr. 2: Den Boden vorbereiten – Sicherheit im Außen schaffen
Wenn Dein Nervensystem Gefahr wahrnimmt – selbst subtil, z.B. als hochgezogene Augenbraue Deines Gegenübers –, wird Dein Nein nicht gesprochen, sondern geschluckt.
Unbewusst und ganz automatisch.
Deshalb würde ich anfangen zu schauen:
Wo in meinem Leben fühlt sich mein System sicher an?
Bei welchen Menschen kann ich mich zeigen, ohne mich zu verbiegen?
Wo kann ich ehrlich sein, ohne innerlich Spannung aufzubauen?
Wo bin ich wirklich ich?
Und dann würde ich nicht nur erkennen, sondern anfangen, genau diese Räume häufiger aufzusuchen.
Und gleichzeitig würde ich den Kontakt zu Situationen reduzieren, in denen ich mich dauerhaft anpasse oder verliere.
Nicht dramatisch. Nicht radikal. Vielleicht auch nur ein wenig.
Denn auch das ist bereits Regulation.
Nr. 3: Säen – Mini-Grenzen im sicheren Raum üben
Dein Nervensystem lernt durch Erfahrung.
Und Wiederholung.
Deshalb würde ich dort anfangen, Grenzen zu setzen, wo es sich sicher anfühlt.
Und vor allem machbar.
Vielleicht bei meiner Lieblingsoma, bei der ich mich ohnehin nicht verstellen muss.
Vielleicht mit einem einfachen Moment wie:
Das Stück Kuchen ablehnen. Ohne Erklärung. Ohne Rechtfertigung.
Und nichts passiert.
Kein Bruch. Kein Verlust. Keine Strafe.
Nur eine neue, positive Erfahrung im System.
Und genau diese Erfahrung würde ich wiederholen.
Mal ein Stück Pizza ablehnen. Mal ein Telefonat verschieben. Mal einfach nicht sofort Ja sagen.
So trainierst Du Dein Nervensystem ganz spielerisch auf
Grenzen setzen ist kein Risiko. Grenzen setzen ist Sicherheit .
Und exakt hier wird es entscheidend
Vielleicht ist genau das der Punkt, den Dir bisher niemand so klar gesagt hat:
Du brauchst nicht noch mehr Wissen darüber, wie Du Grenzen setzt.
Du brauchst die Erfahrung, dass es sicher ist.
Und solange diese Erfahrung fehlt, wird sich jedes Nein wie eine kleine Bedrohung anfühlen – egal, wie gut Du es formulierst.
Grenzen setzen ist deshalb keine Frage der richtigen Technik.
Sondern eine Frage dessen, was Dein System gelernt hat zu halten.
Und genau hier beginnt der Teil, der oft übersehen wird.
Denn dieses Umlernen passiert nicht nur durch Einsicht allein.
Nicht nur durch einen weiteren Artikel.
Nicht nur durch noch eine neue Strategie.
Sondern durch winzige, verkörperte Erfahrungen, die Dein Nervensystem wirklich integrieren kann.



